Mädchen an die Technik!

Wer cool ist, schert sich nicht um Klischees: Bei den Stadtwerken Herne gibt es einige Ausbildungsplätze in technischen Berufen. Welche Mädchen haben Lust?

Das Kabelwirrwarr im Stromkasten schreckt sie nicht ab. Im Gegenteil, sie tüftelt gerne. Christin Pieda (16) ist Auszubildende bei den Stadtwerken Herne. Sie ist im ersten Lehrjahr als Elektronikerin für Energie- und Gebäudetechnik. Ein Mädchen als Elektronikerin? „Na klar! Ich bin hier auch nicht das einzige Mädchen“, sagt Christin. „Schon als Kind hab ich mich für Technik interessiert und meinem Papa beim Werkeln geholfen.“

Spätestens aber seit dem Schülerpraktikum, das sie ebenfalls bei den Stadtwerken Herne absolviert hat, stand der Entschluss fest. „Ich finde es super spannend, wie die Abläufe bei elektrischen Anlagen funktionieren. Wer kann das schon erklären?“ Aber auch mit Starkstrom zu arbeiten findet Christin interessant. Körperlich anstrengend ist dieser Beruf jedoch nicht. Vielmehr ist hier Fingerfertigkeit gefragt. „Ich glaube, dabei haben Frauen gegenüber Männern sogar einen Vorteil.“ Weit gefehlt also, wer glaubt, Technik liege Männern eher als Frauen.

Wenige Frauen in den MINT-Berufen

Bei den Stadtwerken ist Christins Bewerbung auch sofort in die engere Auswahl gekommen, denn von Geschlechterklischees hält Ausbildungsleiter Georg Bohmke gar nichts. „Wir freuen uns über jede interessante Bewerbung. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob junge Männer oder Frauen bei uns anfangen wollen. Im Gegenteil. Fachkräfte werden dringend gebraucht. Deswegen ist es umso wichtiger, auch Mädchen für diese Berufsfelder zu begeistern.“ Denn die Mehrzahl der Bewerber ist nach wie vor männlich, obwohl es beispielsweise seit fast 20 Jahren den Girls’ Day gibt. Ein Aktionstag, an dem Mädchen für einen Tag in einen technischen Beruf reinschnuppern. Das ist auch dringend nötig. Denn in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) ist der Frauenanteil mit bundesweit 15,4 Prozent immer noch sehr niedrig. In Nordrhein-Westfalen liegt er sogar nur bei 13,7 Prozent. Die Frauen holen zwar auf, aber nur langsam.

Gute Jobaussichten

Dabei sind die Berufsaussichten in diesem Bereich hervorragend: In den vergangenen fünf Jahren ist die Beschäftigung in den MINT-Berufen um 8,5 Prozent gestiegen, wobei Frauen nach Aussage der Bundesagentur für Arbeit von dieser Entwicklung besonders profitieren. Angst vor Arbeitslosigkeit müssen sie kaum haben, und der Bedarf an technischen Fachkräften steigt weiter an.

Aber birgt die Arbeit nicht auch physische Herausforderungen? „Manchmal schon“, sagt Rebecca Oppermann. Die 25-Jährige macht bei der Stadtentwässerung Herne (SEH) eine Ausbildung zur Kanalbauerin. Die SEH ist eine Beteiligungsgesellschaft der Stadtwerke und bietet zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten. „Probleme hatte ich bislang noch nie. Man sollte aber keine Angst vor Dunkelheit, Enge oder Krabbeltieren haben.“ Rebecca hat bereits eine Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin abgeschlossen. Dabei ist ihr bewusst geworden, dass sie keinen Bürojob machen möchte. „Das war mir ehrlich gesagt zu langweilig.“ Was der Auszubildenden jetzt besonders an ihrer Arbeit gefällt, sind die abwechslungsreichen Tätigkeiten. Ob Schächte prüfen und reparieren, Vermessungen durchführen oder der Umgang mit verschiedenen Baustoffen – jeden Tag steht etwas anderes an. „Ich kriege handwerkliche Routine und darf immer mehr Aufgaben selbstständig durchführen.“ Mit den Jungs arbeitet sie eng zusammen, ein Problem war das von Anfang an nicht. „In der Berufsschulklasse bin ich das einzige Mädchen – dort habe ich schnell gelernt, auch mal Sprüche zu reißen. Das Verhältnis ist unheimlich kollegial.“

Rebecca Oppermann macht eine Ausbildung zur Kanalbauerin und stellt sich gern neuen Herausforderungen.

MARTIN LECLAIRE, BOCHUM

Georg Bohmke denkt, dass die Stadtwerke Herne ein optimales Umfeld bieten, um junge Menschen auszubilden und sie aufs Berufsleben vorzubereiten. „Weiterbildung gehört hier dazu, ist ausdrücklich erwünscht und wird konsequent gefördert“, sagt er. Eine Grundvoraussetzung müssten allerdings alle Bewerberinnen mitbringen: Spaß an Technik.

Technisches Verständis ist hilfreich

Tatsächlich hatte Christin schon in der Schule Freude an naturwissenschaftlichen Fächern, und sie gibt zu: „Dieses Wissen brauche ich heute definitiv.“ Denn Berechnungen sind ein großer Teil ihres Jobs, und ein Verständnis für physikalische Zusammenhänge braucht sie im Alltag ebenfalls. Aber auch ein wenig Einfühlungsvermögen ist bei der Arbeit nötig. „Wir sind natürlich auch auf Außeneinsätzen. Dabei spielt die richtige Betreuung des Kunden eine wichtige Rolle.“ Bei der Entscheidung für diesen Ausbildungsplatz hat sich Christin noch von einer ganz anderen Überlegung leiten lassen. „Ich dachte mir, die Stadtwerke wird es immer geben, und ich wollte einen sicheren Arbeitsplatz haben.“ Parallel zu den Aufgaben im Betrieb besucht Christin zweimal wöchentlich die Schule. Sie ist gespannt, welche Aufgaben sie in ihrer Ausbildung noch alle erwarten.

Auch Rebecca geht mit einem ganz neuen Gefühl zur Arbeit. Ihr macht die Arbeit jetzt viel mehr Spaß. Den Wechsel zu der SEH hat sie keine Sekunde bereut. „Ich bin so froh, dass ich noch mal etwas Neues ausprobiert habe.“ Das haben beide gemeinsam – sie haben sich über ihre Berufswahl Gedanken gemacht und sind gut informiert. Nach einer aktuellen Veröffentlichung des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft ist genau das die beste Methode, um mehr Mädchen für die MINT-Berufe zu begeistern. Demnach habe ein besserer Informationsstand Einfluss auf die Entscheidung. Anders gesagt: Vielen Mädchen ist gar nicht bewusst, dass ein technischer Beruf für sie eine Alternative sein könnte.

Probieren geht über studieren

Unklar ist dabei noch, welche Rolle Klischees spielen. Interessieren sich Mädchen tatsächlich weniger für Technik, oder ist ihr Anteil so gering, weil schon im Kindergarten alle von ihnen erwarten, dass sie mit Puppen und nicht mit Autos spielen?

Das konnte noch in keiner Studie geklärt werden. Fest steht: Christin und Rebecca halten nichts von Klischees. „Ich ziehe privat gerne auch mal schöne Kleider an“, sagt Christin. „Aber ich habe auch kein Problem damit, mich dreckig zu machen“, fügt Rebecca hinzu. Ihr Tipp an alle Mädchen, die Lust auf einen praktischen Job haben: „Einfach mal ausprobieren. Man vergisst oft, wie viele Möglichkeiten man hat.“

Mehr zu den Berufen finden Sie im Internet unter: stadtwerke-herne.de/ausbildung

MARTIN LECLAIRE, BOCHUM

Rebecca Oppermann hat eine zweite Ausbildung angefangen. Die praktische Arbeit gefällt ihr viel besser.

MARTIN LECLAIRE, BOCHUM

Christin Pieda hat sich schon als Kind für Technik interessiert. Die Berufswahl fiel ihr daher nicht schwer.