Ein Reallabor der Energiewende

Im Shamrockpark entsteht eine sehr intelligente Vernetzung von Wärme- und Kältenetzen. Das Projekt wird gefördert, und die Stadtwerke sind mit an Bord.

Ein Kreis schließt sich: Die Zeche Shamrock war das erste Steinkohle-Bergwerk in Herne. Jetzt soll auf dem Gelände des Shamrockparks zum ersten Mal in Deutschland ein innovatives Energieversorgungssystem umgesetzt werden: ein Ectogrid. Die intelligente Kombination aus Wärme- und Kältenetzen begeistert auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie – beim hoch dotierten Ideenwettbewerb „Reallabore der Energiewende“ ist das Ectogrid neben weiteren Projekten ausgewählt worden. Das Konzept könnte die Kohlendioxid-Bilanz in den Städten langfristig verbessern. Doch was genau verbirgt sich hinter der Technologie?

Gemeinsam in die Zukunft

Wenn die Energiewende gelingen soll, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die Stadtwerke Herne haben sich daher mit der E.ON-Tochter Avacon Natur und der FAKT AG, die das Gelände entwickelt, zu einer Betreibergesellschaft zusammengeschlossen, um für den Shamrockpark die beste technische Lösung zu finden. Grundlage ist das System Ectogrid, das E.ON in Schweden entwickelt hat. Vereinfacht gesagt, funktioniert das Versorgungsnetz dabei wie eine thermische Batterie, in die Wärme und Kälte eingespeist oder aus der sie entnommen werden. Konkret heißt das: Heizbedarf wird aus dem warmen Leiter des Ectogrids bedient, um mittels Wärmepumpen zu heizen. Der Rücklauf der Wärmepumpen kühlt den kalten Leiter des Ectogrids. Falls beispielsweise in einem anderen Gebäude Räume gekühlt werden sollen, kann dieser aus dem kalten Leiter des Ectogrids über Wärmetauscher gedeckt werden.

Die Abwärme von diesem Kühlungsprozess wird wiederum in den warmen Leiter eingeleitet und steht somit den Wärmepumpen zu Heizzwecken zur Verfügung. „Gerade in Übergangszeiten wie Herbst und Frühling entsteht so eine gute Balance, und es wird kaum Energiezufuhr von außen nötig sein“, sagt Stephan Becker, der das Projekt bei den Stadtwerken Herne betreut. Für den Betrieb des Ectogrids ist ein Niedertemperatur-Nahwärmenetz erforderlich. Die dafür erforderliche Wärme liefert effizient die Abwärme eines naheliegenden Industrieunternehmens. Zudem verlegen die Stadtwerke Herne eine Gasleitung bis an die Grundstücksgrenze. Damit können Gaskessel betrieben werden, die als Back-up-Lösung zum Energiekonzept gehören – falls etwa die Menge an gelieferter Abwärme schwanken sollte. Zudem gibt es riesige Kältemaschinen, also Klimaanlagen im Maxi-Format, die im Sommer zusätzlich kühlen können.

Der Shamrockpark erinnert mit seiner Gebäudestruktur an einen Campus. Zwei Hochhäuser sollen hinzukommen.

Strom aus PV-Anlagen

Zu einer besseren Energiebilanz trägt außerdem ein kleines, in sich geschlossenes Stromnetz bei, ein sogenanntes Microgrid, das die Stadtwerke zusammen mit der Betreibergesellschaft im Bereich der Technikzen­trale installieren. Hier stehen die Kältemaschinen. Rechts und links davon befinden sich große Parkhäuser, die mit Photovoltaik-Anlagen ausgestattet werden. Wenn es richtig hell ist, liefern sie viel Strom, mit dem die Kältemaschinen angetrieben werden.

Da es meistens gleichzeitig warm ist, greifen Stromerzeugung und -bedarf hier hervorragend ineinander. Eventueller Überschuss kann für umweltfreundliche Mobilität genutzt werden. Denn Elektroladesäulen sind an dieses Microgrid angeschlossen. Reicht die Solarenergie hingegen nicht aus, wird die Lücke über die normale Stromversorgung gedeckt – die Stadtwerke Herne bauen auf dem gesamten Gelände ein komplett neues Stromnetz auf, das Bestandsbauten und die geplanten neuen Hochhäuser versorgen wird. „Für die Bürger ist die Entwicklung des Shamrockparks sicherlich spannend“, glaubt Becker. „Früher war er geschlossen und wurde privat betrieben, jetzt entsteht hier ein neuer Stadtteil.“ Die Erkenntnisse aus der Energieversorgung im Shamrockpark sollen modellhaft auf weitere Projekte in Deutschland übertragen werden.  


Was passiert im Shamrockpark?

Der Shamrockpark ist ein Riesenareal von mehr als 100.000 Quadratmetern an der Brunnenstraße. Die Bestandsbauten haben eine Nutzfläche von rund 50.000 Quadratmetern. Etwa genauso viel Fläche soll durch Neubauten hinzukommen. Zuletzt war hier die RAG-Zentrale untergebracht. Seit 2018 gehört der Shamrockpark dem Immobilienentwickler FAKT AG aus Essen. Geplant sind hier unter anderem 120 Wohneinheiten, Senioreneinrichtungen, ein Kindergarten, ein Rechenzentrum, zwei Hochhäuser für internationale Unternehmen und für regionale Start-ups – sowie ein nachhaltiges Energiekonzept. Shamrock ist übrigens das englische Wort für Kleeblatt. Dieses Nationalsymbol der Iren hatte der Zechengründer William Thomas Mulvany als Namen ausgesucht – er stammte aus Dublin.