Run & See Herne

Die Stadt entdecken und dabei fit bleiben: Das ist Run & See. Funktioniert auch prima in Herne.

Sonntagmorgen. Die Stadt ist noch seltsam ruhig, nur der Motor eines startenden Autos durchbricht die Stille und ein leises Tapp-Tapp, Tapp-Tapp. Eine junge Frau läuft die Holsterhauser Straße entlang. Immer wieder schaut sie nach oben, zur Seite, nimmt alles in sich auf. Schön? Nein, schön ist diese Ecke Hernes nicht, aber es ist ihre Heimatstadt. Dort drüben in dem grauen Haus hat ihre Oma gewohnt, die den Gysenbergpark so liebte. Aber das ist heute nicht das Ziel der jungen Frau. Sie hat mitten in der Herner Innenstadt, am Rathaus, ihren Stadtlauf gestartet. Denn sie hat ihren persönlichen SightRun geplant, eine Strecke entlang von Sehenswürdigkeiten und Lieblingsorten. Nicht, wie üblich, durch die Natur.

Die Atmosphäre erleben

Sightrunning, auch Run & See genannt, ist ein internationaler Trend. Den deutschen Top-Läufer Hendrik Pfeiffer, der hauptsächlich im Ruhrgebiet trainiert, wundert das nicht: „Wenn ich zum Beispiel in London die roten Doppeldecker-Busse sehe, voll mit Touristen, dann denke ich, dass ich nicht stundenlang rumsitzen möchte. Besser wäre es doch, sich eine Stadt zu erlaufen.“ Tatsächlich gehören joggende Stadtführer inzwischen zum festen Angebot in Metropolen wie Rom, Barcelona oder Paris, aber auch in Hamburg, Berlin, Düsseldorf und Köln. Die Routen und Streckenlängen sind variabel, zu anstrengend soll es ja nicht sein.

Zugegeben, auf den ersten Blick klingt Paris spannender als Herne, aber andererseits beginnt Frankreich nicht vor der eigenen Haustür. Außerdem geht es beim Sightrunning nicht nur darum, Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Die Atmosphäre, der Charakter einer Stadt, das lässt sich auf einer Rundfahrt nicht erleben, und mit Charakter kann Herne wahrlich punkten. „Der Ruhrpott hat Läufern viel zu bieten“, findet Pfeiffer. „Die Industriekultur nimmt man so aus einer ganz anderen Perspektive wahr.“ Er selbst wohnt in Gelsenkirchen und ist auch schon auf Hernes Straßen unterwegs gewesen: 2014 und 2015 gewann er den Herner Martinilauf über zehn Kilometer.

Sprint vorbei am Gasometer

Martin Leclaire

Kein Problem auf Asphalt

Der Langstreckenläufer ist viel in der Stadt unterwegs und trainiert hauptsächlich auf Asphalt. „Manchmal fahre ich mit dem Auto nach draußen“, sagt er, „aber meistens starte ich einfach am Olympiastützpunkt an der Bochumer Hollandstraße.“ Von dort geht es zur Erzbahntrasse, die Bochum mit Gelsenkirchen verbindet und auch über Herner Stadtgebiet führt. Das ganze Ruhrgebiet ist von solchen ehemaligen Eisenbahntrassen durchzogen, die zu Rad- und Fußwegen umgebaut wurden und sich bestens zum Laufen eignen.

Auch sein Trainer, Tono Kirschbaum, räumt auf mit dem alten Vorurteil, dass Joggen auf der Straße ungesund sei. „Asphalt wird zu Unrecht verteufelt. Er hat den Vorteil, dass der Untergrund sehr gleichmäßig ist und der Fuß gerade aufsetzt. Zum Beispiel auf steinigen Waldwegen ist die Belastung durch die Seitenbewegungen des Fußes für die Bänder höher.“ Zu schnell sollten aber vor allem Anfänger nicht unterwegs sein. Bei einer hohen Geschwindigkeit müssten die Knie stärkere Stöße auffangen. Aus dem gleichen Grund empfiehlt Kirschbaum Walking, wenn jemand unter Übergewicht leidet. „Nicht nur die Muskeln brauchen Zeit, um sich auf die neue Belastung einzustellen, sondern auch die Bänder und Knochen.“

Unverzichtbar sei ein Laufschuh mit guter Dämpfung, der unbedingt in einem Fachgeschäft mit Möglichkeit zur Laufbandanalyse gekauft werden sollte. Dort würden die Schuhe individuell angepasst, damit sie eine eventuell nicht optimale Drehung der Füße beim Aufsetzen (Pronation) ausgleichen. Und wer dann sein Lauftempo irgendwann erhöhen will, für den hat Hendrik Pfeiffer noch einen Tipp: „Steigungen einplanen. Die Halden im Ruhrgebiet sind ideal.“

Mehr Sicherheit

Es muss also nicht immer der Park sein, der ohnehin von Joggern übervölkert ist, sobald die Tage wärmer werden. Das Laufen durch die Stadt ist praktisch: Eine Anfahrt, die wertvolle Zeit kostet, ist nicht nötig. Außerdem wird es derzeit noch relativ früh dunkel. Da bieten belebte und beleuchtete Straßen nicht nur trittsichere Wege, sondern vor allem Frauen ein besseres Gefühl. Abgemessene Strecken gibt es zwar nicht, aber da hilft die Technik. Hendrik Pfeiffer läuft mit einer GPS-Uhr am Handgelenk, die seine Kilometer sehr genau misst. Eine Alternative ist es, sich vorher online eine Strecke in gewünschter Länge zusammenzustellen, zum Beispiel unter www.gpsies.com.